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Auf der ganzen Welt zu Hause – Interview mit einer happy Backpackerin

Hey Ihr Lieben,

momentan bin ich im Emsland unterwegs. Eigentlich wollte ich für euch Wanderwege erkunden und im Rahmen einer Fahrradtour stimmungsvolle Fotos festhalten.

Leider hindert uns momentan ununterbrochener Platzregen daran. Alles ist grau. Soll ich euch deswegen vorjammern? Nö. Ich interviewe heute Morgen ein Mädel für euch, das – im Gegensatz zu uns gerade – einfach der Sonne entgegen reist. Und das bereits zehn Jahre lang.

Elischeba: Liebe Anja, dein Leben hört sich nach dem reinsten Traum an. Seit mehr als zehn Jahren hältst du dich an den schönsten Stellen der Welt auf. Wie fing denn alles an?

Anja: Ich wollte schon immer raus aus dem kleinen Kaff, in dem ich aufgewachsen bin. Alles dort roch nach Kleinstadtmief und wenigen Möglichkeiten, das Leben zu leben, das ich leben wollte. Schon eine Woche nach dem Abitur bin ich dann nach Südfrankreich gegangen, um in einem kleinen Hotel als Zimmermädchen und Kellnerin zu arbeiten. Anfangs waren nur ein paar Monate geplant, doch mir gefiel das französische „Je ne sais quoi“ so gut, dass ich gleich anderthalb Jahre hängen blieb.

Panama (c) Anja Knorr (3)

Anja mit Papagei in Panama

Danach war das „normale Leben“ für mich gelaufen. Ich wollte frei sein, reisen und neue Erfahrungen machen. Also suchte ich nach immer neuen Möglichkeiten und bin dabei durch Nord-, Mittel- und Südamerika getingelt, habe mehrere Jahre in Australien, den USA und England gelebt. Auch nach Asien und in die Südsee hat es mich verschlagen und irgendwie ist der Travel Bug wie eine Sucht, von der ich nicht mehr loskomme. Es ist niemals genug und man will immer mehr davon haben.

Elischeba: Wer sich deine zahlreichen exotischen Reisefotos anschaut, der könnte meinen, dass du im Lotto gewonnen hast. Wie kriegst du das hin, andauernd solch paradiesische Trips zu erleben?

Anja: Ja im Lotto würde ich auch gerne mal gewinnen, doch dazu müsste ich erst einmal spielen. Ich habe vier Jahre in Australien gelebt und auch in den USA, da ist der Weg zu den Traumplätzen dieser Erde schon einmal nicht so weit. Dort habe ich solange gearbeitet bis ich wieder genug Geld hatte zum Reisen oder habe mir unterwegs Arbeit gesucht.

Wählerisch war ich dabei nicht und die Jobs waren recht unspektakulär. Unter anderem war ich Babysitterin, Verkäuferin von Edelsteinen auf einem Flohmarkt, Putzfrau, Hostess, Komparse bei Bollywoodfilmen, Call Center Agent. Ich habe bei einer Schädlingsbekämpfungsfirma Kakerlaken bekämpft und auf Yachten Drinks serviert. Es gibt kaum einen Job, den ich nicht gemacht habe.

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Anja in Sagres an der Algarve in Portugal

Natürlich war mir das irgendwann zu anstrengend, und ich hatte auch keine Lust für den Rest meines Lebens solche Hilfsarbeiten zu erledigen. Dazu gesellte sich dann auch das Heimweh. Es schmerzte mich, dass ich bei vielen Ereignissen meiner Familie und Freunde nicht dabei sein konnte. Ich wollte nach so vielen Jahren wieder nah bei meinen Lieben wohnen und ging dann vor ein paar Jahren zurück nach Deutschland.

In Berlin habe ich dann eine Arbeit gefunden, die es mir ermöglicht, mehrmals im Jahr eine längere Auszeit zu nehmen und trotzdem habe ich noch die Sicherheit, dass jeden Monat Geld in meine Kasse kommt. Diese Sicherheit habe ich gebraucht, um endlich einmal durchatmen zu können, weil das Leben auf der Überholspur ziemlich anstrengend sein kann.

Elischeba: Auf deinen Reisen schaffst du es auch mit ganz wenig Geld auszukommen. Du hast schon für einen Dollar die Nacht in einer charmanten Bambushütte bei einer Oma am Ton Sai Beach geschlafen. Wie kommt man an solche Unterkünfte dran?

Anja: Einfach durch spazieren gehen! Ich bin in Ton Sai mit einem Boot angekommen und wunderte mich, warum ich die Einzige bin, die aussteigt. Niemand schien dort auf mich zu warten und ich entdeckte auch kaum Hütten am Strand. Also lief ich mit meinem Rucksack eine Straße in die Hügel hinauf und gelangte nach einer Viertelstunde zu einer alten Frau, die mich freundlich anlächelte und fragte, ob ich nicht bei ihr übernachteten wollte. Für besagte zwei Dollar die Nacht (ich teilte mir die Hütte mit einem Freund).

Ich verlasse mich gerne auf den Zufall und plane nicht gerne im Voraus. Klar habe ich die grobe Route im Kopf, aber wo ich letzten Endes übernachte oder was ich mir ansehen werde, lasse ich mir gerne offen. Immerhin kann ein Ort, der im Internet von anderen Gästen gelobt wird, für mich der totale Reinfall sein. Da schaue ich mich lieber selber vor Ort um und suche mir meine Unterkünfte selber. Das ist meistens auch viel günstiger und die Einheimischen haben auch etwas davon, denn viele große Hotelketten oder riesige Hostels werden oft von reichen Ausländern geführt. Und darauf habe ich alleine wegen dem Stress der vielen anderen Gäste keine Lust.

Elischeba: Eine tolle Einstellung. In Indonesien hast du für 50 Cent hervorragend bei Einheimischen gegessen. Ein Beispiel von vielen. Wo lernst du die Menschen sonst noch so kennen und welche Erfahrungen machst du dabei?

Anja: Gerade wenn ich alleine unterwegs bin, ist es wichtig, für neue Leute offen zu sein. Besonders gerne lerne ich bei Tauchgängen oder beim Surfen im Meer die Community vor Ort kennen. Da besteht schon einmal die gemeinsame Leidenschaft für das Hobby und ich komme schnell ins Gespräch. Aber auch Hostels und Bars sind gute Orte, um neue Leute kennenzulernen. Generell ist das auf Reisen ja viel einfacher. Es herrscht Urlaubsstimmung und die anderen Reisenden suchen genauso Anschluss.

Azure Window Malta (c) Anja Knorr

Anja taucht am Azure Window vor der Insel Gozo (Malta)

Elischeba: Du bist eine hübsche junge Frau und fast immer alleine on Tour. Gibt es da nicht auch mal Gefühle von Angst oder Einsamkeit?

Anja: Auf jeden Fall. Gefühle der Einsamkeit kommen in regelmäßigen Abständen. Du weißt eben nie, auf welche Leute du treffen wirst. Dabei kannst du unglaublich viel Glück haben und lebenslange Freunde treffen oder aber auch mal Menschen, mit denen du so gar nichts gemein hast.

Da muss man schon einmal einsame Abende im Restaurant oder am Strand aushalten können. Ich mag es jedoch, ab und zu Zeit für mich zu haben. Meinen Gedanken nachzuhängen und ein gutes Buch zu lesen. Und wenn es gar nicht mehr geht, hilft immer ein Absacker an einer Bar im Hostel. Dort ist man garantiert nicht lange allein.

Elischeba: Welche Tipps hast du denn für weibliche Urlauber, die einfach mal alleine los möchten?

Anja: Ich erhalte beinahe jeden Tag Emails von zögernden Lesern, die gerne reisen möchten, doch sich nicht trauen. Ob ich ihnen nicht Tipps geben und ihnen versichern kann, dass alles gut wird. Getreu dem alten Motto meines Helden aus der Kindheit, Erich Kästner, will ich allen dort draußen Mut machen: „Es gibt nichts Gutes außer man tut es.“

Indonesien (c) Anja Knorr

Anja in Indonesien

Falls ihr noch unschlüssig seid, ob ihr eure Siebensachen zusammenpacken solltet oder nicht, dann hört genau hin. Was wollen euch eure Ängste sagen? Was soll denn schon groß schiefgehen auf Reisen? Zu viel Sonne und Spaß zu haben?

Klar, auf Reisen kannst du krank werden oder es kann irgendetwas schief gehen, aber genau das ist es ja, was viele und auch ich auf Reisen suchen: Weit weg vom Alltag die Sorgen hinter mir lassen. Mich auf das Hier und Jetzt konzentrieren und mich lebendig fühlen. Mich stärker fühlen, weil ich mich meinen Ängsten gestellt habe. Und genau darum geht es beim Reisen für mich.

Elischeba: Hört sich alles sehr verlockend an. In Costa Rica hast Du bei Projekten zum Schutz der Meeresschildkröten und der Verbesserung der Lebensumstände der einheimischen Bevölkerung mitgemacht. Finde ich klasse! Wie kam es dazu?

Anja: Das war reiner Zufall. Ich war gerade mit meiner besten Freundin in Costa Rica unterwegs, als wir eine deutsche Backpackerin trafen, die uns von dem Projekt vorschwärmte. Und weil wir gerade Zeit, aber keinen Plan hatten, wie es weitergehen sollte auf unserer Route, sind wir einfach mitgefahren. Glücklicherweise sind genau an dem Tag viele Freiwillige abgefahren und es gab genug Platz für uns.

Elischeba: Das ist doch ein gutes Timing. Welche Gefühle hat das in dir hervorgerufen und welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?

Anja: Von Ehrfurcht über Dankbarkeit bis hin zu Fluchtgedanken war alles dabei. Anfangs erschien mir das Projekt toll. Ich stellte es mir so romantisch vor: Wir würden mitten im Dschungel leben, die Welt retten und wahnsinnig wichtige Arbeit leisten. Das Projekt leistet einen bedeutenden Beitrag zur Aufklärung der einheimischen Dorfbevölkerung und der Arterhaltung der Meeresschildkröten, die vom Aussterben bedroht sind.

Als wir jedoch vor Ort waren stellte sich heraus, das in der Wildnis nicht alles so toll ist wie erträumt. Es gab keinen Strom, kein fließend Wasser, wir waren zig Kilometer von der nächsten Ortschaft im tiefsten Dschungeldickicht entfernt und schnell kam in mir das Gefühl auf, festzusitzen. Und ich hätte sonst was dafür gegeben selbst für Verpflegung zu sorgen, da die aus Reis mit Bohnen früh, mittags und abends bestand.

Leider konnte man wegen starker Strömungen nicht ins Wasser und wegen dem dichten Dschungel auch nicht auf dem Landweg seiner Wege gehen, weswegen ich relativ schnell einen Lagerkoller bekam. Auch war die Arbeit extrem anstrengend. Mitten in der Nacht bei hoher Luftfeuchtigkeit und Hitze stundenlang den Strand zu patrouillieren, kam einem Hochleistungssport gleich und ich kam an meine Leistungsgrenzen. Daher sollte sich jeder genau überlegen, ob und welche Art von Freiwilligendienst er machen möchte.

Freiwilligenarbeit Costa Rica Schildkröte (c) Anja Knorr (1)

Freiwilligenarbeit in Costa Rica zum Schutz der Schildkröten

Elischeba: Du bezeichnest dich selbst als happy Backpacker. Ist das für jeden etwas? Was für ein Typ muss man sein?

Anja: Happy zu sein bedeutet für mich Freiheit. Morgens nicht zu wissen, wo ich abends sein werde. Ich bin sowieso ein ziemlich einfach zufriedenzustellender Zeitgenosse. Sonnenschein, ein gutes Buch oder eine interessante Unterhaltung lassen mich strahlen. Happy Backpacker leben im Moment und lassen sich nicht so schnell aus der Bahn werfen.

Elischeba: Honduras, Uruguay, Nicaragua oder Surfen in Santa Catalina. Welche Ziele hat eine Frau, die schon Stellen auf der Welt gesehen hat, die viele von uns nur von der Landkarte kennen?

Anja: Schon seit langen liebäugele ich mit Afrika. Besonders Mosambik und Namibia haben es mir angetan. Hoffentlich schaffe ich es diesen Winter dorthin. Am besten in Verbindung mit einem Divemaster-Kurs, da Mosambik eines der besten Tauchreviere der Welt ist.

Elischeba: Danke für das tolle, inspirierende und spannende Interview, liebe Anja. Es war toll einen Blick in dein vielseitiges Leben zu werfen.

Liebe Leser,

hier könnt ihr mehr über Anja erfahren. Mehr Infos zum Sozialprojekt gibt es hier.

Disclaimer: Alle Fotos wurden mir von Anja zur Verfügung gestellt und dürfen nur mit ihrer Genehmigung verwendet werden. Das Copyright liegt bei Anja.

 

3 Kommentare zu Auf der ganzen Welt zu Hause – Interview mit einer happy Backpackerin

  1. ziemlich coole Frau die du da interviewt hast

  2. Toller Artikel!

  3. Wow – toller Artikel! Für mich zeigt sich wieder zum happy sein braucht es nicht viel Geld oder Besitz, sondern die eigene Einstellung zählt! Ich fühle mich inspiriert, weiter so 🙂

    „sankt-helena-insel.de“

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