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Grüße aus dem größten Dorf Europas

„Eigentlich ist Den Haag ein Dorf“, lächelt Remco, als wir durch die imposante Innenstadt schlendern. Es hat sich so ergeben, dass der Regierungssitz nie Stadtrechte erhalten hat. Wäre den Einwohnern aber egal. Den Haag hat sonst alles. Auch das was Amsterdam nicht hätte. Zum Beispiel unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel regelmäßig vor Ort, wenn es mal wieder um die Rettung Europas geht.

Guide

Fotograf: Pierre Wilde

Überhaupt fühlt man sich als „Haagener“ generell privilegiert. Der smarte Guide im gediegenen Businessanzug erklärt uns ein wenig stolz, dass sie die eigentlichen Holländer sind. Alles außerhalb zählt zu den Niederlanden. Wir laufen an prächtigen Gebäuden vorbei und immer gebe ich kund, dass ich niemals vermutet hätte, dass Den Haag so schön sei. So edel. So beeindruckend. Und so stilvoll.

Würde ich in der Hauptstadt der Provinz Südhollands leben, wäre ich auch prächtig stolz darauf. Es gibt so viel zu erzählen – doch heute grüße ich euch erstmal mit ersten News und Fotos aus Den Haag und lege euch ans Herz, diese Atmosphäre einmal selbst auf euch wirken zu lassen. Ja – gemäß dem heutigen Gespräch grüße ich euch aus dem größten Dorf Europas.

Führung durch Den Haag

Fotografin: Elischeba Wilde

Schmunzeln muss ich, als mein Mann im Gespräch von der Hauptstadt der Niederlande spricht. Auf dem Weg haben wir uns im Auto darüber unterhalten – ich habe auf Amsterdam getippt und mein Schatz auf Den Haag als Hauptstadt. Da würde es viele Unsicherheiten geben, meint unser Guide. Aber die Hauptstadt sei Amsterdam.

Wo wir gerade beim Thema Gerüchte und Unsicherheiten sind, möchte Pierre von Remco wissen, was es mit der Gardinensteuer auf sich hat. Man sagt bei uns, dass die Holländer keine Gardinen haben, weil sie darauf Steuern zahlen müssten. Der Herr im Anzug lacht. Nein. Die Steuer wurde nach der Größe der Fenster bemessen. Hätte also indirekt tatsächlich etwas damit zu tun. Außerdem hätte man als guter Protestant doch eh nichts zu verbergen.

Leon in Den Haag

Fotografin: Elischeba Wilde

Wir lassen den Regierungssitz auf uns wirken – den Anfang bildete der Bau eines Schlosses vor knapp 800 Jahrendank Graf Wilhelm II. Nach und nach wurde es ergänzt – je nachdem welche Nationalität gerade geherrscht hat. So nehmen wir auch französischen und preußischen Flair wahr.

Unter ersten bunten Blättern eines herrlichen Spätsommertages erfahren wir, dass es neben dem üblichen Parlament eine Art „House of Lords“ gibt. Ob die Sitze dort wie in Großbritannien vererbt werden, möchte Pierre wissen. Nein – die members werden gewählt.

Der nächste Punkt, den wir überqueren ist weniger schön. Auf diesem Platz wurde exekutiert – variabel, je nachdem wie viel die Person gezahlt hat, die hingerichtet werden sollte. Remcos Worte ergeben für mich keinen Sinn. Rasch frage ich nach, ob ich mich verhört habe. Nein. Wessen Familie für den Tod gezahlt hat, dessen Kopf ist in wenigen Sekunden gefallen. War kein Geld vorhanden, so hat sich das Exekutieren lange und äußerst schmerzhaft hingezogen.

In diesem Moment verfliegt meine schöne Reisestimmung enorm. Mit dem Leid anderer Menschen kann ich nicht gut umgehen. Vor allem, als wir erfahren, dass der Tod völlig unberechtigt war. Denn auf das Nachhaken meines Mannes berichtet uns Remco, dass lediglich ein kleiner Raub ausreichend war, um den Kopf zu verlieren.

Den Haag im Herbst

Fotograf: Pierre Wilde

Dann denke ich darüber nach, dass wohl jede Mutter, deren Mittel für die Ernährung ihrer Kinder knapp ist, zum Diebstahl von Lebensmittel fähig sein könnte. Dass Frauen etwas sensibler beim Thema Hinrichtung reagieren, wurde auch bei dem Bau des naheliegenden Schlosses bedacht.

Die Gemächer der Damenwelt wurden so angebracht, dass sie nicht auf den Platz der Exekution schauen brauchten. Aber konnten Frauen auch hingerichtet werden, wollte ich wissen. Ja. Da wurde kein Unterschied gemacht. Wie gut, dass es heute Menschenrechte gibt. Dass in Den Haag heute der internationale Strafgerichtshof sitzt und über Machthaber richtet, die gegen die Menschenrechte verstoßen haben, macht mir diese herrliche Stadt gleich noch sympathischer.

Neugierig wie ich bin, erkundige ich mich nach dem Lebensstandard, dem Einkommen und den Immobilienpreisen in Den Haag. Bei dieser Gelegenheit klärt Remco uns darüber auf, dass nirgends sonst in den Niederlanden der Unterschied zwischen arm und reich so gravierend ist wie in Den Haag.

rotes Fahrrad

Fotografin: Elischeba Wilde

Es würde eine reiche und eine arme Seite der Stadt geben – er würde das sofort am Dialekt hören, wo jemand herkommt. Zwischen beiden Teilen verkehren die Menschen gewöhnlich nicht miteinander. Die Grenze durfte früher nicht einmal übertreten werden – lediglich zum Arbeiten für die Bediensteten.

Remco berichtet uns, dass sein Lebensgefährte ihn gelegentlich damit neckt, was er denn auf der „armen Seite“ zu suchen hätte. Nun – seine Touristen sind für ihn Könige und deshalb richtet er sich nach deren Wünschen, beide Seiten kennen zu lernen. Zufällig passieren wir eine Bank – die dort angebotenen Häuser und Wohnungen nach meinem Geschmack kosten circa 700.000 Euro. Na dann wird wohl nichts aus dem spontanen Wunsch, hier mal später unsere Rente zu verbraten.

Pierre und leon bei Nacht in Den Haag

Fotografin: Elischeba Wilde

Dann möchte Remco uns das geheime Den Haag zeigen. Krass. Wir landen in einer schönen, gepflegten und grünen Wohnoase in der nur Frauen ab 55 wohnen. Die reichen Leute wollten ihren weiblichen Dienstboten aus christlicher Pflicht heraus einen angenehmen Lebensabend schenken. Heute kann sich jede Frau bewerben. Voraussetzungen: möglichst protestantisch und Single. Ich frage vorlaut, ob die ein oder andere nicht heimlich einen Lover hat. Remco bestätigt lächelnd, dass dies der Fall sein kann, aber nicht an die Öffentlichkeit geraten darf.

Hoistraat

Fotograf: Pierre Wilde

Als wir später zusammen im Restaurant Hooistraat einen Kaffee trinken, wirft unser Guide einen Blick auf unseren 16 Monate jungen Leon und erzählt, dass eine amerikanische Journalistin neben ihm im Restaurant ihr Baby gestillt hat. So etwas tun hier die Leute in Den Haag nicht, wirft er ein und das wäre ihm etwas peinlich gewesen.

Wie machen die Mütter das denn, wenn sie Lust auf einen Abend im Restaurant haben, möchte ich wissen. Sie würden sich hier Nannys nehmen. Muttermilch vorher abpumpen. Ein Haagener möchte sein Essen genießen – gern mit einem Glas Wein. Ich kann verstehen, dass es herrlich ist, als Eltern auch mal in Ruhe zu dinieren.

Allerdings finde ich ein bisschen schade, was er mir danach berichtet. Die Frauen würden sofort wieder ganztags arbeiten gehen – Elternzeit gibt es nicht. Ich liebe meine Jobs – aber die Zeit mit dem eigenen Baby und Kleinkind ist kostbar – ich möchte sie nicht missen. Sie ist einmalig und kommt nie zurück.

Leon und Elischeba

Fotograf: André Plath

Im nächsten Blogeintrag berichte ich euch davon, welche Restaurants wir ausprobiert haben und wie das mit Kleinkind geklappt hat. Auf dem Mamablog gibt`s dann erste Artikel über unseren Aufenthalt im Kinderparadies Hof van Saksen.

Bis dann,

Eure Elischeba

 

4 Kommentare zu Grüße aus dem größten Dorf Europas

  1. sehr interessanter bericht mit tollen hintergrundinfos, die (meist) nicht im reiseführer stehen

  2. Das nenn ich Stil !! 🙂 …mit einem Personal Guide zu Fuss die Innenstadt von Den Haag erkunden und dabei Insider Tipps erhaschen, die selbst alteingessene „Haagener“ neugierig machen !! …Das hat was !! …weiter so !!

  3. Hello. excellent job. I did not imagine this. This is a impressive story. Thanks!

  4. ein sehr informativer bericht, vielen dank dafür!

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